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Die Pflicht, im Ghetto zu leben, das Tragen des „Judenzeichens“ oder das Verbot, handwerkliche Berufe auszuüben, waren infolge des Toleranzedikts von Joseph II. seit 1781 aufgehoben worden. Juden war es ab nun auch erlaubt, staatliche Schulen und Universitäten (mit Ausnahme der theologischen Fakultät) zu besuchen. Mit den in der „Judenordnung“ von 1790 und den während der napoleonischen Invasionen (1797-1813) gewährten Freiheiten wurde die Emanzipation der Görzer Juden eingeleitet, die jedoch offiziell erst nach 1867 endgültig erreicht wurde. Die Tore zum Ghetto waren bereits unter Napoleon entfernt worden.

Im Jahre 1850 waren in Görz 314 Juden registriert, die höchste Zahl, die jemals in der Stadt erreicht wurde. 226 von ihnen lebten noch im ehemaligen Ghetto, das zu jener Zeit ein wichtiges Zentrum des Handels war und vor allem in der Nähe der Synagoge lag.

1893 wurde die Gemeinde Gradisca in die Gemeinde Görz eingegliedert.

Als Folge des Ersten Weltkriegs kam es für die Gemeinde zu einem dramatischen Rückgang der Mitgliederzahl. Viele Menschen, vor allem junge Männer, waren im Krieg gefallen und zahlreiche italienische Gemeindemitglieder zogen es vor, in größere Städte abzuwandern. Im Gegenzug ließen sich hier nun jedoch Juden aus Osteuropa nieder, die vor dem zaristischen Antisemitismus geflohen waren. Dank der Unterstützung durch die Gemeinde Triest und hier insbesondere durch den Einsatz von Carlo Nathan Morpurgo, der seit den 1920er Jahren als Mitglied des Hilfskomitees für jüdische Emigranten und ab 1939 als Gemeinde-Sekretär fungierte, konnte die sich allgemein ausbreitende Armut etwas gelindert werden.

Durch die mit dem so genannten „Falco-Gesetz“ im Jahr 1930 beschlossene Neuordnung der jüdischen Gemeinden in Italien wurden die Gemeinden Udine und San Daniele del Friuli mit der Gemeinde Görz zusammengelegt.

1938 zählte man in Görz 183 Juden. Die faschistischen Rassengesetze verwehrten nun Schülern, auf Gund ihrer Zugehörigkeit zur behaupteten „jüdischen Rasse“, den Besuch staatlicher Schulen. In Görz, wo es schon keine jüdische Schule mehr gab, kümmerten sich die Lehrerin Rina Luzzatto (sie wurde deportiert und in Auschwitz ermordet) und der junge Marcello Morpurgo um die Bildung der Kinder.

Am 17. September besuchte Mussolini Görz und hielt eine Rede auf der Piazza Vittoria. Marcello Morpurgo war dabei und erinnerte sich genau an die antisemitische, vor allem aber antislawische Stimmung jener Zeit.

Die durch die Deportationen während der nationalsozialistischen Besatzung fast gänzlich ausgelöschte Gemeinde wurde nach der Befreiung von Mitgliedern der Jüdischen Brigade und jüdischen Soldaten der US-Armee unterstützt, solange diese vor Ort weilten.

Marcello Morpurgo erinnerte sich an die schwierige Rückkehr zur Normalität: „Wir haben kein Haus, keine Möbel, keinen Hausrat, nichts, nur das Wenige, das wir am Leib trugen, und auch das ist alt und abgenutzt. Und dennoch, warum deshalb allzu traurig sein, wo doch so viele ihr Leben verloren haben? Materielle Güter zählen doch nichts im Vergleich zu den körperlichen Leiden, den Entbehrungen und dem grausamen Tod der Deportierten.“ [S. 193].

1969 hatte die jüdische Gemeinde von Görz nur noch ganz wenige Mitglieder und daher wurde sie der Gemeinde von Triest angeschlossen.

QUELLENANGABEN: 

Orietta Altieri, La comunità ebraica di Gorizia: caratteristiche demografiche, economiche e sociali (1778-1900), Del Bianco, Udine 1985 

Giuseppe Bolaffio, Sfogliando l’archivio della Comunità di Gorizia, in “La Rassegna Mensile Di Israel”, Vol. 23, Nr. 12, 1957 

Chiara Lesizza Budin, Vita e cultura ebraica nella Gorizia del Settecento, Edizioni della Laguna, Mariano del Friuli 1995 

Adonella Cedarmas, La Comunità israelitica di Gorizia. 1900-1945, Istituto Friulano per la Storia del Movimento di Liberazione, Udine 1999 

Miriam Davide e Pietro Ioly Zorattini (Hrsg.), Gli ebrei nella storia del Friuli-Venezia Giulia. Una vicenda di lunga durata, Giuntina, Firenze 2016 

Marcello Morpurgo, Valdirose. Memorie della Comunità ebraica di Gorizia, Del Bianco, Udine 1986